Pflanzenschutz – ein dankbarer Angstgegner

Sobald die Sprache auf Pflanzenschutz kommt, reagieren viele Menschen fast schon instinktiv besorgt. Das hat nicht zuletzt mit unzureichender Information zu tun – sowie mit einem Bild von Landwirtschaft, das mit der modernen Praxis wenig zu tun hat. Nicht zuletzt informieren inzwischen viele Landwirte selbst die Bevölkerung aktiv über ihre verantwortungsbewusste Arbeit – von der Verbraucher täglich profitieren.

 

Das Wort macht die Musik – bereits Begriffe können verunsichern

Im Rahmen einer internationalen Studie zum öffentlichen Bild von Pflanzenschutz war 2014 zu beobachten: Bereits Begrifflichkeiten führen zu deutlichen Reaktionen. So fielen die Antworten zu identischen Fragen durchschnittlich um zehn Prozent negativer aus – wenn anstelle des Begriffs „Pflanzenschutzmittel“ der Begriff „Pestizide“ verwendet wurde. Es kommt sicher nicht von ungefähr, dass Kritiker produktiver Landwirtschaft gern von Pestiziden sprechen.

Übrigens: Pestizid kommt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt: „Die Seuche zerschlagen“.

Ähnliche Beobachtungen hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gemacht. BfR-Präsident Professor Dr. Andreas Hensel merkte an: „In dem Moment, wo eine Chemikalie im vollen Namen genannt wird, haben die Leute schon Angst davor“. Hensel spricht in diesem Zusammenhang von „intuitiver Toxikologie“ und „diffusem Unbehagen“.

 

 

„Saubere“ Methoden

Pflanzenschutz-Kritiker verwenden aber nicht nur absurde Vergleiche und bewusst gewählte Begrifflichkeiten, sondern auch – besonders bedenklich – konstruierte Sachverhalte, bis an die Grenze der Irreführung. Was zählt, ist der Effekt. Man spricht hier auch von „Kampagnenfähigkeit“.

Ein prominentes Beispiel ist der Herbizid-Wirkstoff Glyphosat. Glyphosat ist seit über 40 Jahren weltweit im Einsatz. Nicht ein einziger Fall von gesundheitlichen Schäden bei sachgemäßer Anwendung ist aktenkundig. Dennoch: In den letzten Jahren sollten eine Reihe von Studien die Gefährlichkeit des Wirkstoffs belegen. Bei näherer Betrachtung stellten sie sich schnell als aufmerksamkeitsheischende Publicity heraus.

 

Glyphosat im Urin!

2013 schlug eine deutsche Nichtregierungsorganisation Alarm. Eine europaweite Studie habe Glyphosat im Urin bei sieben von zehn Großstädtern nachgewiesen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) entlarvte die vermeintliche Studie als „groben statistischen Unfug“. Eine Stichprobe von zehn Probanden lasse überhaupt keine Ableitungen zu. Im Übrigen sage das ledigliche Vorhandensein eines Stoffs gar nichts über dessen Risikopotenzial aus. Die Urin-Meldung fand dennoch ein breites Medienecho.

 

Glyphosat in Muttermilch!

2015 wurde nachgelegt: Glyphosat in der Muttermilch. Stichprobengröße in diesem Fall: 16. Die ausgewiesenen Rückstandsmengen hätten bedeutet: Ein 4 Kilogramm schwerer Säugling hätte täglich 2.800 Liter Muttermilch trinken müssen, um den geltenden Grenzwert für Pflanzenschutz-Rückstände (den Höchstgehalt) zu überschreiten. Das für die Risikobewertung zuständige BfR erklärte die angewendete Messmethode im Übrigen als ungeeignet. Dieses Mal reagierten verschiedene Medien zurückhaltender.

 

 

Glyphosat im Bier!

2016 schließlich meldete eine weitere Studie Glyphosat-Rückstände in den 14 beliebtesten deutschen Biersorten. Stichprobengröße pro untersuchter Sorte hier: 1. Die aufgefundenen Rückstände lagen um ein Tausendfaches unter der strengen, als unbedenklich geltenden Aufnahmemenge. Erst bei einem täglichen (!) Konsum von 1.000 Litern Bier würde dieser überschritten werden. Mutige Landwirte riefen daraufhin zur Glyphosat-Bier-Challenge auf.

 

Aufklärung tut Not

Zwei Drittel der Deutschen gehen laut BfR davon aus, dass Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln grundsätzlich nicht erlaubt seien. Wissenslücken wie diese lassen sich wirksam instrumentalisieren. Die Diskussion über moderne Landwirtschaft wird auf breiter Front immer härter geführt. Viele Landwirte sind deshalb dazu übergegangen, über ihre Arbeitspraxis aufzuklären – und suchen den Dialog. Über ihre privaten Netzwerke, in privaten Initiativen oder organisiert. Bundesweit bekannt geworden ist Bauer Willi. Sehr aktiv ist auch die Initiative „Frag' doch mal den Landwirt!". Und viele Landwirte öffnen ihre Tore zum „Tag des offenen Hofes".

Selbst die jährliche Protestkundgebung von Gegnern moderner Landwirtschaft zur Internationalen Grünen Woche in Berlin hat inzwischen ein Pendant: Landwirte laden zur Gegendemonstration. Ihr Motto: „Wir machen euch satt!"


Aktuelles

Unstatistik des Monats – das RWI deckt auf

Für einen vernünftigen Umgang mit Daten und Fakten tritt seit 2012 das RWI – Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung ein: In ihrer „Unstatistik des Monats“ beleuchten die Forscher aktuelle Meldungen auf deren Wahrheitsgehalt – mit erstaunlichen Ergebnissen. So zuletzt die über die Medien verbreitete Behauptung „Deutsche Bauern spritzen immer mehr Pflanzengift“.

Statement

Endlich miteinander sprechen, nicht Parolen klopfen.

Marcus Holtkötter, Landwirt aus Altenberge